Madentherapie in der Wundversorgung – Wie kleine Helfer große Wunden heilen
- Philipp Mitterlechner

- 18. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Chronische Wunden sind für Betroffene eine enorme Belastung. Sie heilen schlecht, entzünden sich immer wieder und schränken den Alltag oft stark ein. Wenn Salben, Verbände oder sogar Antibiotika nicht mehr helfen, braucht es manchmal eine ungewöhnliche, aber sehr wirksame Methode:
die Madentherapie.
Was seltsam klingt, ist ein bewährtes medizinisches Verfahren mit beeindruckenden Erfolgen. Und je besser man versteht, wie es funktioniert, desto klarer wird: Die kleinen Larven leisten präzise, hochsterile und für den Heilungsprozess wertvolle Arbeit.
Was ist Madentherapie?
Bei der Madentherapie werden steril gezüchtete Larven der Goldfliege (Lucilia sericata) eingesetzt, um schlecht heilende Wunden zu reinigen. „Steril gezüchtet“ bedeutet:
Die Larven stammen aus einem kontrollierten Labor.
Sie sind komplett frei von Bakterien, Keimen oder Krankheitserregern.
Sie werden ausschließlich für medizinische Zwecke aufgezogen.
Es handelt sich also keinesfalls um „normale“ Maden aus der Natur. Diese wären ungeeignet und gefährlich. Die medizinischen Larven hingegen sind streng geprüft und absolut sicher.
Wie funktioniert Madentherapie?
Die Therapie basiert auf drei natürlichen Fähigkeiten der Larven:
1. Sanfte und präzise Reinigung (Débridement)
Die Maden entfernen gezielt nur abgestorbenes oder krankes Gewebe, indem sie Verdauungsenzyme abgeben, die dieses Gewebe verflüssigen.Sie fressen kein gesundes Gewebe an – etwas, das weder Skalpell noch Salben in dieser Genauigkeit leisten können.
2. Natürliche antibakterielle Wirkung
Die Larven produzieren Stoffe, die Bakterien bekämpfen, darunter auch hartnäckige Keime, die gegen Antibiotika resistent sein können.
Sie helfen außerdem, sogenannte Biofilme aufzubrechen – das sind klebrige Bakterienschichten, die Wunden oft daran hindern zu heilen.
3. Förderung der Heilung
Während die Larven sich bewegen und arbeiten, regen sie:
die Durchblutung
den Stoffwechsel der Wunde
und die Bildung von frischem Gewebe
an. Die Wunde wird so in einen „Heilmodus“ versetzt.
Wie wird die Madentherapie angewendet?
Vor dem Start überprüft der Wundmanager, ob die Wunde geeignet ist. Ist dies der Fall, kann die Therapie beginnen.

1. Aufbringen der Larven
Es gibt zwei Methoden:
Direkte Anwendung: Die Maden kommen direkt auf die Wunde (kaum noch verwendet)
Geschlossene Anwendung („Biobag“): Die Maden befinden sich in einem feinen, durchlässigen Stoffbeutel.
Der Biobag wirkt wie ein kleiner „Teebeutel“ und ist für viele Patient*innen angenehmer, da man die Maden nicht direkt sieht.
2. Sicherer Wundverband
Die Wunde wird mit einem speziellen Verband abgedeckt, damit die Larven ausreichend Luft bekommen und sicher in der Wunde bleiben.
Wie oft müssen die Maden gewechselt werden?
Ein besonders wichtiger Punkt:
Die Maden müssen alle 4 Tage gewechselt werden.
Der Grund dafür:
Nach etwa 3–4 Tagen sind die Maden „satt“ und können nicht mehr effizient arbeiten.
Außerdem wachsen sie in dieser Zeit deutlich und müssen dann aus der Wunde entfernt werden.
Meistens sind mehrere Behandlungszyklen notwendig, je nach Größe und Zustand der Wunde.
Wer trägt die Kosten?
Ein Punkt, der viele überrascht:
Die Kosten für die Maden müssen bislang in vielen Fällen von den Patient*innen selbst getragen werden.
Warum?
Die Madentherapie ist wirksam, aber nicht in jeder Region oder Krankenkasse als Standardleistung fest verankert. Die Preise variieren je nach Anbieter, liegen aber typischerweise im Bereich von:
70–120 Euro pro Beutel
Bei größeren Wunden können mehrere Beutel nötig sein.
Man sollte sich daher vorher beim behandelnden Wundmanager oder der Krankenkasse erkundigen, ob eine Kostenübernahme möglich ist. In manchen Fällen übernimmt die Krankenkasse die Kosten inzwischen bereits nach Einzelfallprüfung.
Für welche Wunden eignet sich die Madentherapie?
Die Therapie wird eingesetzt bei:
schlecht heilenden offenen Beinen
diabetischen Fußwunden
entzündeten oder infizierten Wunden
Wunden nach Operationen
Druckgeschwüren
Wunden mit hartnäckigen Belägen oder Nekrosen
Kurz gesagt: überall dort, wo herkömmliche Methoden an Grenzen stoßen.
Was empfinden Patient*innen während der Behandlung?
Die meisten berichten:
ein leichtes Kribbeln
ein Gefühl wie „Bewegung“
manchmal leichtes Ziehen
Schmerzen sind selten. Nur wenige empfinden das Gefühl als unangenehm – gerade beim Biobag spürt man die Maden oft kaum.
Gibt es Risiken oder Nachteile?
Wie bei jeder Behandlung gibt es einige Punkte zu beachten:
Ekelgefühle sind normal, bessern sich aber meist schnell, wenn man sieht, wie gut die Therapie wirkt.
Es kann zu kleinen Blutungen kommen, meist harmlos.
Die Methode eignet sich nicht für:
sehr trockene Wunden
Wunden mit starker Blutung
tiefe Kanäle/Fisteln, in denen Maden „verloren“ gehen könnten
Daher ist eine vorherige fachliche Einschätzung wichtig.
Warum wird Madentherapie heute wieder häufiger genutzt?
Obwohl das Verfahren sehr alt ist, erlebt es heute ein echtes Comeback – und das aus guten Gründen:
immer mehr Keime werden antibiotikaresistent
natürliches Débridement funktioniert oft besser als künstliche Enzyme
die Methode ist schonend, präzise und effektiv
sie kann die Wundheilung deutlich beschleunigen
Die Madentherapie wird inzwischen weltweit von Wundexperten, Kliniken und spezialisierten Praxen eingesetzt.
Fazit: Ein ungewöhnlicher, aber wertvoller Weg zur Heilung

Die Madentherapie mag auf den ersten Blick befremdlich wirken, doch sie ist:
wirksam,
natürlich,
steril und sicher,
schonend für die Haut,
und oft die letzte Hoffnung für Wunden, die sonst nicht heilen wollen.
Die kleinen Larven übernehmen Aufgaben, die keine Salbe, kein Verband und manchmal nicht einmal ein chirurgischer Eingriff so genau leisten kann.
Für viele Menschen bedeutet das: endlich wieder Aussicht auf eine heilende Wunde – dank der kleinsten medizinischen Helfer, die man sich vorstellen kann.

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